Mir ist es einfach wichtig, mit Menschen arbeiten zu können

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Urte Südecum kam auf Umwegen in die Behindertenhilfe. Hier hat sie eine Aufgabe voller Menschlichkeit gefunden, der sie dauerhaft treu bleiben möchte. Mit Extra-Geschäftsführer Sebastian Lazay sprach sie über ihren Weg ins Hamburger Extra Team Pflege.

Sebastian Lazay: Frau Südecum, Ihr Weg in die Behindertenhilfe war nicht gerade klassisch. Ursprünglich hatten Sie ganz andere Pläne.

Urte Südecum: Eigentlich habe ich ja einmal ‚Bäuerin‘ gelernt. 1988 bis 1990 war das in einem Tierzuchtbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern. Das war zu Beginn noch in DDR-Zeiten. Unser Betrieb lag im Grenzgebiet – ganz in der Nähe der Schlagbäume. Nach der Wende wurde er dann abgewickelt und ich musste mich schnell neu orientieren. Also wechselte ich in die Gastronomie. 21 Jahre lang habe ich dann in der Küche und im Service gearbeitet, bevor ich mir im September 2012 einen Traum erfüllen konnte.

Der hatte bestimmt etwas mit Ihrer Leidenschaft für Tiere zu tun?

Na klar. Ich war schon davor ehrenamtlich im Tierheim in Büchen tätig und konnte dann diese Einrichtung als Leitung übernehmen. Die Gemeinde hatte das Budget für eine Halbtagsstelle zur Verfügung gestellt, so konnte ich das mit meiner Arbeit in der Gastronomie verbinden. Der Start war etwas holprig, aber ich konnte mich gut einarbeiten. Leider endete dieser neue Lebensabschnitt schnell und sehr abrupt.

Was ist passiert?

Ich bin mit meinem Auto auf Eis ins Schleudern geraten und gegen einen Baum geprallt. Meine Füße waren zwischen den Pedalen eingeklemmt. Ich realisierte erst gar nicht so richtig, was passiert war, hörte nur echohaft die Stimmen von Helfern. Aber allmählich wurde mir klar, dass ich sehr schwer verletzt war. Der eine Fuß war bis über die Sprunggelenke komplett kaputt. Ich lag dann zunächst 6 Wochen im Krankenhaus. Das war der Beginn einer schweren Zeit, denn ich musste parallel ja die Betreuung meiner Tochter organisieren und fühlte mich natürlich auch weiterhin für die Tiere verantwortlich. Auch nach der zweiten OP hatte ich große Schmerzen und erholte mich nicht. Nach zwei Monaten war dann klar, dass ich an einer Infektion durch die eingesetzten Schrauben und Platten litt. Also musste alles wieder raus, mein Körper erholte sich nun langsam. Ein halbes Jahr saß ich im Rollstuhl. Dann folgte die Reha, psychologische Unterstützung und schließlich musste ich wieder laufen lernen. Zwei Jahre dauerte dieser ganze Prozess, von 2013 bis 2015. Durch diese lange Zeit wurde ich so zur Hartz IV-Empfängerin. Ich versuchte, mit einem Teilzeitjob da aus eigener Kraft wieder herauszukommen. Wieder in der Gastronomie, das konnte ich ja.

Konnten Sie in dieser Situation keine Unterstützung in Anspruch nehmen?

Nach 9 Monaten bekam ich die Chance auf eine Qualifizierungsmaßnahme, die ich gerne annahm. Ziel war es, mit meiner 30prozentigen Behinderung, die inzwischen anerkannt worden war, einen passenden Job zu finden. Die Maßnahme war aber eigentlich nichts für mich. Gerade der PC-Unterricht hat mir zwar schon geholfen, aber ich bin kein Mensch, der den ganzen Tag vor dem Computer sitzt. Und auch ein dreiwöchiges Praktikum bei der Staatsanwaltschaft änderte daran nichts. Das Klima dort war einfach schlimm. Während der Maßnahme haben wir aber auch viel Job-Recherche betrieben. Eine Kollegin kam darauf, dass die Arbeit mit Behinderten das Richtige für mich sein könnte. Mit diesem Gedanken im Kopf ging ich dann 2016 auf die Job-Messe am Hamburger Flughafen.

Dort haben Sie uns kennengelernt, nicht wahr?

Das stimmt. Der Messebesuch war aber zunächst sehr ernüchternd. Überall wollte man Ausbildungsabschlüsse von mir haben, die ich natürlich nicht hatte. Nach vielen Ständen landete ich schließlich beim Extra Team. „Sie können mir sowieso nicht helfen“, lautete meine Begrüßung. Doch Herr Hansson fragte nach. „Warum nicht?“ Er wollte mehr wissen. Auf der Messe war uns das zu hektisch, deshalb vereinbarten wir ein Folgegespräch im Extra-Büro. Ich war da schon etwas skeptisch. Die Messe hatte ja nicht viel gebracht und ich hatte auch Vorurteile gegen Zeitarbeit. Doch ich ließ mich auf das Gespräch ein. Und plötzlich klang alles ganz gut. Natürlich war Vieles Neuland für mich. Leicht war es nicht, aber Extra gab mir die Möglichkeit, meinen zukünftigen Arbeitsplatz im Rahmen einer Hospitation kennenzulernen. Das verschaffte mir einen guten Eindruck. Aus dem theoretischen Gedanken wurde plötzlich Realität. Das fühlte sich gut an.

Mussten Sie noch lange überlegen, bevor Sie sich auf Ihre neue Aufgabe einließen?

Da ging plötzlich alles ganz schnell. Wir brauchten keine Ämter und Behörden mehr, keine Anträge oder Fördermittel. Extra stellte mich ganz unkompliziert mit einem unbefristeten Vertrag ein und es ging los. Die gute Einarbeitung half mir, meine noch nicht vorhandene Berufserfahrung in meiner neuen Aufgabe auszugleichen. Die Betreuung und Alltagsbegleitung von Behinderten ist für mich heute eine tolle Sache. Die meisten Menschen die ich unterstütze haben Behinderungen, die noch eine Tätigkeit – zum Beispiel in Werkstätten – zulässt. Der pflegerische Anteil ist da eher gering. Ich kümmere mich hauptsächlich um Erwachsene, zwischen Mitte 20 bis zum Rentenalter. Dieser Job gibt mir wirklich viel. Wenn mich eine Klientin, die nicht sprechen kann, dankbar anlächelt, weiss ich, dass ich hier richtig bin.

Es ist schön, dass Ihnen Ihr heutiger Beruf so viel zurückgibt, doch er ist sicher auch manchmal schwer, oder?

Ich habe ja in meinem Leben schon so manches erlebt. Mein Nervenkostüm hat mich noch nicht im Stich gelassen und gut abschalten kann ich auch. Nur meine körperliche Kraft ist etwas eingeschränkt. Das hindert mich aber nicht daran, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, langfristig in diesem Bereich weiterzuarbeiten. Ich habe jetzt bereits über ein Jahr lang verschiedene Häuser kennengelernt. Das hatte etwas den Charakter einer Ausbildung, weil ich so viel Erfahrung sammeln konnte. Für die Zukunft könnte es interessant sein, nicht mehr zu wechseln, sondern in einem Haus dauerhaft zu bleiben, um sich noch intensiver auf seine Klienten einstellen zu können.

Ist es eigentlich ein Unterschied für Sie, dauerhaft im Extra Team Pflege zu arbeiten oder direkt in der Einrichtung angestellt zu sein?

Nein, überhaupt nicht. Ich fühle mich ja wohl, mit dem was ich tue. Mir ist es einfach wichtig weiter mit Menschen arbeiten zu können.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Südecum.

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Mir ist es einfach wichtig, mit Menschen arbeiten zu können

Dieter Kükenbrink: Neue berufliche Heimat in der Pflege gefunden.

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Dieter Kükenbrink hat in seinem Leben selbst mehrfach Hilfe gebraucht. Seine Gesundheit ließ ihn zweimal seinen Beruf aufgeben und zwang ihn dazu, sein Leben ganz neu zu sortieren. Heute arbeitet er im Extra Team Pflege und sagt „Hier kann ich etwas zurückgeben.“

Extra Team Pflege: Herr Kükenbrink, Ihr Weg in die Pflege war sehr ungewöhnlich. Eigentlich hatten Sie mal etwas ganz anderes gelernt.

Dieter Kükenbrink: Ja, eigentlich bin ich Dachdecker. Doch den Beruf musste ich wegen Bandscheibenproblemen aufgeben. Ich habe dann 2000 eine Umschulung zum Hausmeister gemacht und gearbeitet, bis ich meinen ersten Herzinfarkt bekam.

Die Medizin hat mir damals das Leben gerettet. Viele Menschen haben sich fantastisch um mich gekümmert. Danach habe ich ehrenamtlich Leute spazieren gefahren, ihnen beim Einkaufen geholfen und solche Dinge. Ich wollte eben etwas von der Hilfe zurückgeben, die ich selbst bekommen hatte. Doch dann kam der zweite Infarkt. Spätestens jetzt wußte ich, dass ich etwas grundsätzlich in meinem Leben ändern muss.

Was war Ihnen bei diesem Neuanfang wichtig?

Natürlich ging es um ein gesünderes Leben. Damit meine ich aber nicht nur Fragen von Ernährung oder Sport. Es ging und geht mir auch darum, weniger Stress an mich heranzulassen und mein Leben bewusster zu leben.

Die Arbeit in der Pflege ist nicht leicht, weder körperlich noch mental. Wie passte das zu Ihren Vorsätzen?

In meiner ehrenamtlichen Arbeit hatte ich gemerkt, dass mir die Menschen etwas zurückgeben, wenn ich ihnen helfe. In dieser Form hatte ich das in meinen früheren Tätigkeiten nicht erlebt. Ich habe mich dann mit der Mutter meiner Freundin ausgetauscht, die selbst Pflegekräfte ausbildet. So wurde der Gedanke immer konkreter. Als ich dann eine Anzeige von Extra las, kam die Sache ins Rollen.

Natürlich musste ich mich erst in die Arbeit hineinfinden, aber meine Kollegen haben mir da gut geholfen. Heute geht es mir gut. Ich fühle mich wohl in meinem Job. Mir ist nur wichtig, dass ich meine Arbeitszeit mitgestalten kann. Ich muss mir frei nehmen können, wenn ich das brauche. Das klappt bei Extra aber gut.

Wie erleben Sie die Arbeit in wechselnden Einrichtungen?

Ich bin zwar immer wieder woanders eingesetzt, aber doch auch immer wieder in den gleichen Einrichtungen. Und dort betreue ich auch immer wieder die gleichen Leute. Da bauen sich dann oft sehr nette Beziehungen auf und manchmal werde ich schon mit den Worten begrüßt: „Hallo Dieter, schön dass du wieder da bist!“.

Und bei neuen Einrichtungen – wie lernen Sie da Ihr neues Umfeld kennen?

Wir stellen uns da immer gemeinsam bei den Bewohnern vor. Ich unterhalte mich immer etwas mit den Menschen, baue eine Verbindung auf.

Es geht ja nicht darum, in soundsoviel Minuten seinen Job zu machen. Das sind ja Menschen, für die Beziehungen wichtig sind. Stress macht alles kaputt. Das habe ich selbst nur allzu intensiv erleben müssen. Also nehme ich mir die Zeit und spüre, wie dankbar die Bewohner dafür sind.

Vielen Dank für das offene Gespräch!

Bild: Dieter Kükenbrink

 

 

Dieter Kükenbrink: Neue berufliche Heimat in der Pflege gefunden.